Seinen Platz in einer neuen Stadt zu finden, ist immer eine Herausforderung, vor allem in einer boomenden Hauptstadt wie Berlin. Als wir vor fünf Jahren nach Berlin kamen, haben wir uns entschieden, auf dem Kurfürstendamm, dem Berliner Einkaufsviertel, Wurzeln zu schlagen. Es war eine ungewöhnliche Wahl für ein kleines Sprachinstitut (oder "Boutique"- Sprachinstitut, wie ich es nenne). Die meisten neuen Sprachzentren in Berlin liegen östlich der ehemaligen Mauer. Was hatte es also genau mit dem Ku'damm auf sich? Es gab natürlich einige praktische Überlegungen: Finanzielle und juristische Institute und Immobilienfirmen sind in der Region stark vertreten und es gab nur wenig Sprachinstitute. Wir haben auch darüber nachgedacht, unsere Sprachschule in einem der wohlhabenderen Bezirke Westberlins, wie Dahlem und Zehlendorf, einzurichten. Um ehrlich zu sein war es aber bei mir, wie bei vielen Menschen, die es nach Berlin zieht, das Bild der 70er- und 80er-Jahre-Stadt auf das ich meine Entscheidung basierte. Bowie auf der Hauptstraße, Christiane F, die legendäre Punk- und später Techno-Szene – diese Ära stellte schon immer eine besondere Faszination für die Briten dar.

Die meisten Berliner Sehenswürdigkeiten liegen östlich der ehemaligen Mauer; die Museumsinsel, das Brandenburger Tor und die Karl-Marx-Allee, um nur drei zu nennen. Die architektonische Einseitigkeit war ein Aspekt der Machtpolitik des Kalten Krieges auf beiden Seiten der geteilten Stadt. Diesen Kampf gewann der Osten 1969 entscheidend mit dem Fernsehturm, eine auf einem 368 Meter hohen Cocktailspieß aufgespannte Discokugel. Das Spiel war zu Ende, die Westberliner wandten sich an Gott und baten diesen um Hilfe. Er reagierte prompt und überredete die Sonne, eine kruzifixartige Reflexion auf die Discokugel zu projizieren, die seitdem als "Rache des Papstes" bekannt ist. Eine Sache, bei der Westberlin klar die Nase vorne hatte war die Konsumpolitik. Und nirgends war dies so offensichtlich wie auf der Tauentzienstr / dem Ku'damm. Kaufhaus des Westens - KaDeWe, Baby.

Mein kleines, selbst auferlegtes Samstagnachmittags-Projekt, um unseren neuen Blog zu taufen, war es eine Tour zum Thema "Platz finden" durch das Gebiet rund um unser Büro zu unternehmen. Als erstes besuchte ich den Platz, der unserem Büro am nächsten war; der Savignyplatz. Ich gebe zu, dies ist kein Ort, an dem ich viel Zeit verbracht habe, obwohl dieser wirklich nicht weit von uns entfernt ist. Der Savignyplatz besteht aus Hauptelementen, langweilig aussehenden Buchhandlungen, Touristenrestaurants und Apperol Spritz. Die gut betuchten Berliner und amerikanischen Familien mischen sich unter Horden spanischer Teenager, die scheinbar den Dutzenden von Menschen, die auf den Parkbänken kampieren, nicht auffallen. Der Savignyplatz selbst ist jedoch sehr schön, mit charmanten Blumenbeeten und mit Reben bewachsenen Sitzbögen. Es ist gegen 14 Uhr, also gehe ich in‘s Schwarze Café, um mir einen Kuchen zu bestellen, der von superfreundlichen Mitarbeitern serviert wird, die mühelos zwischen Englisch und Deutsch hin und her wechseln.

Dann schlendere ich die Grollmannstr entlang (wie viele Bilderrahmen braucht eine einzige Straße eigentlich?) und gelange zurück auf den Ku'damm, gehe vorbei am Büro in Richtung Breitscheidplatz. Die wundervollen Fassaden des Gloria-Palastes und des Marmorhauses stechen klar unter den weniger inspirierenden Beispielen der High-Street-Architektur der jüngeren Vergangenheit hervor. Der Breitscheidplatz wirkt wie ein Imitat des Potsdamer Platz, viele glänzende Hochhäuser und eine „Mall“ (Amerikanisch für ein Einkaufszentrum für Dinge, die niemand braucht). Neben dem neu renovierten Bikini und den Luxushotels macht das Europa Center mit seiner merkwürdigen Mischung aus Elektronikgeschäften, leerstehenden Restaurants und billiger Kleidung eine eher deprimierte Figur. Aber ich weiß, wonach ich suche. Ein grelles, orangefarbenes und gelbes Juwel der Moderne aus den 70er Jahren, das mitten in der Luft über der Hauptverkehrsstraße aufgehängt wurde und von allen Seiten in den Spiegelplatten der umliegenden Gebäude reflektiert wird. So sah die Zukunft einmal aus.

Wieder draußen schieße ich schnell ein Foto vom Weltkugelbrunnen. Wenn jemand die Springbrunnen in Berlin bewerten würde, würde dieser sicherlich den Preis für den hässlichsten Brunnen der Stadt gewinnen. Ich dränge mich durch benommen wirkende Menschenmassen hindurch zum Wittenbergplatz und wiedersetze mich stolz dem Druck spontaner Einkäufe (bei UniQlo gibt es XS-Männergrößen für Nicht-Deutsche!). Das riesige Ungeheuer des KaDeWe mit seinen tollen Schaufenstern; die ruhige Symmetrie des Bahnhofs Wittenbergplatz ... Ich freunde mich aber immer mehr mit dem „So hässlich, dass es schon wieder schön ist“ Thema an und gehe direkt zu einem weiteren Brunnen, Grzimeks „Lebensalter“. Eigentlich habe ich für diese weitläufige Masse aus Granit- und Bronze-Aktdarstellungen eine gewisse Schwäche, für mich sind diese ein Statement der Berliner Freizügigkeit. Der Springbrunnen ist derzeit auf drei Seiten von "Buddy Bears" umgeben, die internationale Toleranz fördern sollen, aber eher den Blick ruinieren.

Auf der Suche nach einem Zufluchtsort fahre ich Richtung Süden zum letzten Platz auf meiner Reise, dem Viktoria-Luisa-Platz. Der Geräuschpegel sinkt plötzlich und ich kann den Brunnen bereits von der Kreuzung der Geisbergstr. aus hören. Und was das für ein Brunnen ist. Das Wasser schießt mindestens 5 Meter hoch und formt eine Kaskade aus weißem Schaum. Menschen relaxen auf der Wiese, Familien mit Kindern, schwule Paare, Rentner. Der Brunnen zieht jeden an und schafft ein Gefühl der Harmonie. Platz gefunden.

Bild: Copyright: James Simmonds

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